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Walther Fuchs und Osamu Okuda

PAUL KLEE  DAS KRANKE HERZ 1939, 382 (A2) - NEUES ZUR PROVENIENZ UND WERKSIGNATUR


Paul Klees Spätwerk das kranke Herz, 1939, 382 (A2) (Abb. 1) war zuletzt in der Ausstellung Paul Klee und die Surrealisten zu sehen, die vom 18. November 2016 bis 12. März 2017 im Zentrum Paul Klee, Bern stattfand (Abb. 2). Die Arbeit wurde in der Ausstellung zum Themenkreis »Eros und Sexualität« gezählt.1

Als Ergänzung und Korrektur zu den Angaben im Catalogue raisonné Paul Klee (Band 8, Nr. 8087) wird in der Folge der Versuch unternommen die Provenienz des Werks neu zu rekonstruieren und im Speziellen Klees Signatur auf dem Bild kritisch zu bewerten.

Rekonstruktion der Provenienz

Nach Angaben im Catalogue raisonée Paul Klee, Band 8 übergab Klee 1939 das kranke Herz an Daniel-Henry Kahnweiler (Galerie Simon, Paris) zu einem Angebotspreis von CHF 600 in Kommission (Abb. 3).2 In Absprache mit Klee reichte Kahnweiler das Werk anschliessend an Karl Nierendorf in New York zu einem erhöhten Nettopreis von CHF 900.- ebenfalls in Kommission weiter (Abb. 4), (Abb. 5) .3 Nierendorf überliess das Werk in der Folge seinem ehemaligen Geschäftspartner Israel Ber Neumann in Kommission, bei dem das Werk später verkauft werden sollte (»sold at JB«).4

Dem Catalogue raisonée Paul Klee, Band 8 zu Folge war Curt Valentin (Buchholz Gallery, New York) der nächste Besitzer des Tafelbildes das kranke Herz, bevor es in die Sammlung von Serge und Vally Sabarsky aus New York gelangte. Der Catalogue raisonée weist demnach folgende Chronologie der Besitzer des Werks das kranke Herz, 1939, 382 (A2) aus:

  • Daniel-Henry Kahnweiler, Paris (1939)
  • 1939 Karl Nierendorf, Köln/Berlin/New York (ab 1939)
  • J. B. Neumann (Graphisches Kabinett, New Art Circle, Neumann Gallery), Berlin/New York in Kommission
  • Curt Valentin (Buchholz Gallery; Valentin Gallery, New York)

Die neue Bewertung der Archivdokumente im Zentrum Paul Klee legen jedoch eine andere Reihenfolge der Besitzverhältnisse nahe, wie sie im Catalogue raisonée wiedergegeben ist.

Wie aus einem Brief von Curt Valentin an Lily Klee vom 28. März 1942 hervorgeht, gelangte das Werk das Kranke Herz, welches Valentin im Brief an Lily Klee »Verwundetes Herz« nannte, vermutlich als Kommissionsware über die Nierendorf Gallery in den Besitz oder in die Hände von Valentin: »Just recently I have acquired a few important works from Nierendorf, among them ›Zwang dem Berge‹, 1939, which to me, seems one of the most important works. I also have the late picture called ›Verwundetes Herz, which I like very much.«5 Der erwähnte Brief von Valentin an Lily Klee wurde von den Verfassern des Catalogue raisonée Beitrags fälschlicherweise als Indiz für den Besitzerwechsel von Neumann zu Valentin bewertet. Anschlissend verkaufte Valentin das Werk an Neumann oder gab es ihm als Kommissionsware ab. Ein Aufkleber6 »COLLECTION / J · B · NEUMANN / NEW YORK; PAUL KLEE / THE SICK / HEART« auf der Rückseite des Bildes mit dem Zusatz Künstlername und Werktitel in Neumanns Handschrift deuten darauf hin, dass Neumann das Werk für seine Kollektion erwarb und nicht nur in Kommission nahm (Abb. 6). Der Kauf des Bildes stand wohl im Zusammenhang mit der von J.B. Neumann veranstalteten Klee-Ausstellung in seine Galerie New Art Circle die vom vierten bis 30. Oktober 1943 stattfand und in der das Klee-Werk laut Katalog zu sehen war (Abb. 7). Ob die nächsten Besitzer von das kranke Herz, Serge und Vally Sabarsky das Werk bei J.B. Neumann gekauft haben ist nicht belegt.

Die von uns rekonstruierte Chronologie der Besitzverhältnisse des Werks das kranke Herz, 1939, 382 (A2) sähe demnach wie folgt aus:

  • Daniel-Henry Kahnweiler, Paris (1939)
  • 1939 Karl Nierendorf, Köln/Berlin/New York (ab 1939)
  • Curt Valentin (Buchholz Gallery; Valentin Gallery, New York)
  • J. B. Neumann (Graphisches Kabinett, New Art Circle, Neumann Gallery), Berlin/New York)

»von fremder Hand nachgezogen«? Klärendes zur Signaturfrage

Im Band 8 vom Catalogue raisonné Paul Klee steht folgendes über die Signatur von das kranke Herz, 1939, 382 (A2):»Signiert unten rechts, von fremder Hand nach gezogen: Klee«. Die von Nahem gut sichtbare Korrektur der beiden Buchstaben »K« und »l« beim Namen Klee müssten demnach »von fremder Hand« nachträglich hinzugefügt worden sein. (Abb. 8). Dem widerspricht die Möglichkeit, dass Klee technikbedingt seine Signatur nachträglich selbst nachgezogen haben könnte. Als Klee das Werk 1939 Kahnweiler zusandte, war dieses bestimmt von Klee persönlich signiert. Die zähflüssige Kleisterfarbe, die bereits eingetrocknet war, erschwerte offenbar das Anbringen einer deutlich lesbaren Signierung. Nachdem ihm beim ersten Versuch die beiden Anfangsbuchstaben »Kl« zu wenig lesbar ausfielen, stoppte Klee den Schreibakt und wiederholte die Signatur, mit neue Farbe und kräftigerem Duktus.

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  1. und mit Klees Krankengeschichte in Verbindung gebracht. Vgl. Okuda 2006 u. Fuchs 2017.
  2. Klee 1939a, Klee 1939b
  3. Vgl. Nierendorf/Klee
  4. Vgl. Nierendorf/Klee. 1923 verliess dieser als Folge der Wirtschaftsrezession Deutschland, um sich in New York mit »J.B. Neumann’s Printroom« später unter dem Namen »New Art Circle« an der 35 West 57th als Händler für moderne Kunst, vor allem Grafik, niederzulassen. Vgl. Rewald 2016, S. 12. Karl Nierendorf folgte ihm später nach und gründetet 1936 in direkter Nachbarschaft des MoMA seine eigene Galerie, die »Nierendorf Gallery«. Vgl. Walter-Ris 2003, S. 216ff. Weiterführende Literatur zum Thema Klee und Amerika vgl. u.a. Kampf 2011 u. Smith 2013.
  5. Valentin 1942
  6. Ehlert 2016

Literatur

Ehlert 2016
Sebastian Ehlert, Aufkleber »COLLECTION / J • B • NEUMANN / NEW YORK (...) auf der Rückseite des Werks »das kranke Herz, 1939, 382« von Paul Klee, Fotografie, 2016. Moeller Fine Art, New York.

Fuchs 2017
Walther Fuchs, »Paul Klees Krankengeschichte revisited«, in: Zwitscher-Maschine. Journal on Paul Klee / Zeitschrift für Internationale Klee-Studien, 2017, H. 4, S. 47-80.

Kampf 2011
Petra Kampf, No European in New York: Der Einfluss Paul Klees auf die Amerikanische Moderne, Sarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller, 2011.

Klee 1939a
Paul Klee, Werkliste von Paul Klee: X. Sendung von Kahnweiler an Nierendorf, 17. 11. 1939. Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Klee.

Klee 1939b
Paul Klee, Liste des oevres de Paul Klee expédiées de Berne le 17. Nov. 1939, Galerie Simon, Paris, 17. 11. 1939. Archiv Bürgi im Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Bürgi.

Nierendorf/Klee
Karl Nierendorf und Paul Klee, Liste X. Sendung von Klees Werke, 17. November 1939, Karl Nierendorf, New York. Archiv Bürgi im Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Bürgi.

Okuda 2006
Osamu Okuda, »THE SIK HEART, 1939.382 - THE MAN OF CONFUSION, 1939.350«, in: Klee and America, hg. von Josef Helfensteinund Elisabeth Hutton Turner, Houston; The Menil Collection / Ostfildern; Hatje Cantz, 2006, p. 218.

Rewald 2016
Sabine Rewald, Max Beckmann in New York, Metropolitan Museum of Art, 2016.

Smith 2013
Roberta Smith, »Paul Klee: 'Early and Late Years, 1894-1940' and 'The Bauhaus Years'«, in: The New York Times, 6. Juni 2013.

Valentin 1942
Curt Valentin, Brief von Curt Valentin an Lily Klee, 28.03.1942. Curt Valentin papers, MoMA, New York.

Walter-Ris 2003
Anja Walter-Ris, Die Geschichte der Galerie Nierendorf. Kunstleidenschaft im Dienst der Moderne, Freie Universität Berlin, Freie Universität Berlin, Germany, 2003.

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