PDF

WALTHER FUCHS

Mit der Anschaffung eines Projek­tionsapparats erfüllte sich Paul Klee im April 1940 laut Felix Klee einen lang gehegten Wunsch.1 Er wollte kleinformatige Zeichnungen an die Decke oder Wand seines Ateliers projizieren, um sich dadurch für Arbeiten grösseren Formats anregen zu lassen.2 Bei einem Papierbildprojektor wird eine auf eine Glasplatte gelegte Vorlage von unten be­ leuchtet und über ein Spiegelsystem auf eine Leinwand geworfen. So lassen sich Bilder, Postkarten und andere Dokumente, die im Original nur ein kleines Format auf­ weisen, einem grösseren Publikum prä­sentieren (Abb. 1). Bei der Beschaffung des Projektions­apparats wurde Paul Klee von Walter Lotmar beraten, dem Sohn einer sei­ ner besten Freunde, des Neurologen Fritz Lotmar. Walter Lotmar, den Klee schon als Kind gut kannte, arbeitete bei der Firma Kern in Aarau, die auf die Fertigung optischer Geräte spezialisiert war. In den 1940er Jahren entwickelte er ein Antireflexbeschichtungsverfahren für das lichtstarke Objektiv »Kern SWITAR« der Paillard-­Bolex­-Filmkamera (Abb. 2).3

 
 


Klee und Lotmar erörterten Anfang Dezember 1939 die Konstruktion und die Funktionsweise des Projektionsapparats4 (Abb. 3). Mitte Februar bat Klee dann die Firma Kern um einen Kostenvoranschlag für die Herstellung des Apparats5 und fügte eine »Werkzeichnung«6 bei, die heu­te nicht mehr erhalten ist (Abb. 4). Mit der Gewissheit, mit Lotmar einen »gewichti­gen Fachmann«7 zur Seite zu haben, ent­schied sich Klee für den Kauf des nach Mass angefertigten Apparates, obgleich die Herstellungskosten in Höhe von 300 ­ 350 Fr[anken]. für ihn »eben doch recht viel Geld«8 waren (Abb. 5).

Er bestellte bei der Firma Kern die Optik, die Lampe und die Spiegelmechanik und liess sich von ei­ nem Schreiner unter Aufsicht von Lotmar den Gehäusekasten anfertigen. Am 27. März 1940 schrieb Lotmar an Klee, dass der Apparat bereits in Arbeit sei (Abb. 6).9

Er dürfte dann bei dem von Klee in seine Atelier veranstalteten »feierlichen Akt der Einweihung«10 des Projektionsapparats sicher anwesend gewesen sein und den Künstler mit der Funktionsweise des Projektionsapparats vertraut gemacht ha­ ben. Die maximale Grösse der Vorlage, die zwischen die Glasplatten gelegt werden konnten, betrug »30 × 40 cm«.11 Wegen der Hitze, welche die Lampen entwi­ckelten, durfte der Apparat nicht zu lan­ge in Betrieb sein, da sonst die Gefahr bestand, dass die Papiervorlage beschädigt wurde. Durch die Spiegelprojektion war die Vergrößerung seitenverkehrt, was Klee laut Walter Lotmar jedoch nicht störte.12 Papierbildprojektoren, ein Weiterentwicklung der Laterna magica, die später durch Glasbildprojektoren er­ setzt wurden, fanden seit Ende des 19. Jahrhunderts in Volksschulen13, a Universitäten14 und auch in privaten Haushalten15 Verbreitung. Gemäss Felix Klee und laut Aussage von Petra Petitpierre, einer ehemaligen Meisterschülerin Klee an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf (1931 ­ 1933), war der Apparat nach Klees Tod als Geschenk von Lily Klee in den Besitz von Jürg Spiller übergegan­gen.16 Zu einem unbekannten Zeitpunkt gab Spiller den Apparat an die Familie Klee zurück (Abb. 7).17 Ob Paul Klee den Projektionsapparat in den maximal an­derhalb Monaten, in denen er vor seinem Tod noch arbeiten konnte, je als Hilfe für die Ausführung von farbigen Arbeiten auf Papier oder Gemälden grösseren Formate verwendet hat, bleibt noch zu klären (Abb. 8).

 
 

1  Klee 1953
2  Klee 1953
3  Aeschlimann 2008, S. 5, Häfliger 2003, S. 29.
4  Klee 1939
5  Klee 1940a
6  Klee 1940b
7  Klee 1939
8  Klee 1939
9  Lotmar 1940
10  Klee 1940b
11  Klee 1939
12  Frey 1990, S. 123, Fussnote 203
13  Reishauer 1906/07, S. 71­90.
14  Dilly 1994, S. 39­40.
15  Honold 1932, Vorwort, keine Paginierung.
16  Klee 1953
17  Mein Dank gilt Stefan Frey, Klee ­Nachlassverwaltung, Bern, und Osamu Okuda für die Unterstützung bei der Recherche und dem in der Schweiz wohnhaften Privaten für die Zurverfügungstellung der Archivalien zum Projektionsapparat von Paul Klee.

Literatur
Aeschlimann 2008
Heinz Aeschlimann, Some Remarks about the Technical Background of Kern & Co Aarau. FIG Working Week (Arbeitsgruppe »History of Surveying«), Stockholm 2008.

Dilly 1994
Heinrich Dilly, »Bildwerfer. 121 Jahre kunstwissen­ schaftliche Dia­Projektion«, in: Zwischen Markt und Museum Beiträge der Tagung »Präsentationsformen von Fotografie« am 24. und 25. Juni 1994 im Reiß-Museum der Stadt Mannheim. Rundbrief Fotografie : Sammeln, Bewahren, Erschließen, Vermitteln, Reutlingen: Graf. Werkstätte der Gustav­Werner­Stiftung zum Bruderhaus, 1994, Bd. 2, S. 39­-40.

Frey 1990
Stefan Frey, »Chronologische Biographie (1933­ 1941)«, in: Paul Klee das Schaffen im Todesjahr, (Katalog zur Ausstellung: Bern, Kunstmuseum, 17. August - 4. November 1990), hrsg. von Josef Helfenstein, Bern: Kunstmuseum, 1990, S. 111-­132.

Häfliger 2003
Rolf Häfliger, »Kern & Co. AG, Aarau, ein Stück SchweizerOptik­Industriegeschichte«, in: Photographica. Cabinett. Das Magazin für Sammler,2003, Bd. 30, H. Dezember, S. 22-34.

Honold 1932
Ernst Honold, Episkop Projektionsapparat für Postkarten und andere undurchsichtige Bilder ; Bauanleitung, (Spiel und Arbeit, Bd. 139), Ravensburg: O. Maier, 1932.

Klee 1953
Felix Klee, Kommentar zum Brief von Paul Klee
an die Firma Kern, betreffend der Bestellung eines Projektionsapparates, Bern 13. Februar 1940. Bern: Nachlasssammlung Paul Klee, 1953.

Klee 1939
Paul Klee, Brief von Klee an Walter Lotmar, Bern, 10.12.1939. Schweiz: Privatbesitz, 1939.

Klee 1940a
Paul Klee, Briefentwurf von Klee an Firma Kern, Bern, 13.2.1940. Schweiz: Privatbesitz, 1940a.

Klee 1940b
Paul Klee, Brief von Klee an Walter Lotmar, Bern, 5.3.1940. Schweiz: Privatbesitz, 1940b.

Lotmar 1940
Walter Lotmar, Postkarte an Paul Klee, Aarau, 27.III.1940. Bern: Zentrum Paul Klee, 1940.

Reishauer 1906/07
Herrmann Reishauer, »Projektionsapparat und Lichtbild im Volksschulunterrichte«, in: Neue Bahnen. Zeitschrift der Reichsfachschaft IV Volksschule im NSLB Leipzig, 1906/07, Bd. 18, H. 2, S. 71­-90. 

Comment