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Walther Fuchs

SUMMARY

A photograph from the estate of Sasha Morgenthaler has recently come to light in which a previously unknown early work by Paul Klee can be seen.[1] Subsequently the early work is here tentatively assigned to the composition called Father and Son that Klee mentions several times in his correspondence with Lily.[2] For Klee this study, which can be dated to the autumn of 1902, anticipates the group of inventions. The composition was evidently influenced by Klee’s profound knowledge of human anatomy and studies of form in the manner of Hodler. Klee reworked the version of Father and Son in different ways but none of them satisfied Klee’s desire for successful visual representation of the ideal fantasy state. He therefore destroyed the different variants of the subject Father and Son, so that the photographic reproduction is all that has survived. In the photograph taken in the artist’s studio and his letters to Lily, Klee for the first time represents the artist’s studio as an interpretation of the artistic myth of creation.


»In meinem kleinen Arbeitsraum« (...) im »November 1902« (Paul Klee, 1902)

Nach drei Jahren Ausbildung in München und einer anschliessenden Studienreise nach Italien zieht sich Klee im Sommer 1902 zum Selbststudium in sein Elternhaus nach Bern zurück.[3] Hier entstehen die ersten für ihn gültigen künstlerischen Arbeiten wie die Inventionen, eine Reihe von Radierungen, grotesk-humoristischen Zeichnungen, Hinterglasmalereien und einige Gemälde. Klees »kleiner Arbeitsraum«, den er seiner Verlobten Lily in einem Brief mit Skizze ausführlich beschreibt, liegt im Dachgeschoss des Familiensitzes am Obstbergweg 6 (Abb. 1). Eine neu entdeckte Fotografie gewährt einen fotografischen Einblick in das Atelier von Klee (Abb. 2). 

Abb. 1: Brief von Paul Klee an Lily Stumpf mit Atelier-Plan, 10.08.1902, Zentrum Paul Klee
© Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv

 

Abb. 2: Doppelseite aus dem Fotoalbum »Juli 1915« von Sasha Morgenthaler; rechts: Paul Klee in seinem Atelier am Obstbergweg 6, Bern, Herbst 1902; links: Lily Stumpf, Obstbergweg 6, Bern, August 1906
© Nachlass Morgenthaler Thun, Steffan Biffiger.
Anlässlich ihres Studienaufenthalts 1915 in München fertigte Sasha Morgenthaler für Klee, der ein Freund ihrer Familie war, eine Abschrift seines Oeuvrekataloges an. In diesem Zusammenhang ist die besagte Fotografie wohl in ihren Besitz gelangt, die sie mit weiteren Fotografien von Lily in das mit »Juli 1915« beschriftete Fotoalbum einklebte. 

Der junge Klee ist darauf im Profil wiedergegeben, mit einem gerahmten Bild auf einer Staffelei und weiteren kleinformatigen Arbeiten, die an der Wand aufgehängt sind. Für die Fotografie hat sich Klee auf einen Stuhl gesetzt, auf dem sonst seine »Paletten ruhen« (vgl. Beschriftung Skizze). Er blickt aus dem Fenster, wie man anhand der Skizze rekonstruieren kann. Der Bildausschnitt mit dem Porträt von Klee ist bereits bekannt (Abb. 3). Neu ist der übrige Teil der Fotografie, vor allem das noch unbekannte Bild auf der Staffelei. Die Fotografie ist auf Herbst 1902 zu datieren, denn der Abzug ist auf der Rückseite von Klee eigenhändig mit »November 1902« beschriftet (Abb. 4).

 

Abb. 3: Porträtfotografie von Paul Klee, »November 1902« (Datierung auf der Rückseite s. Abb. 4), Zentrum Paul Klee, Schenkung Familie Klee
© Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv. Die Porträtfotografie von Paul Klee ist erstmals abgebildet in: Felix Klee, Paul Klee: Leben und Werk in Dokumenten, ausgewählt aus den nachgelassenen Aufzeichnungen und den unveröffentlichten Briefen, 1960. Teilansicht der Fotografie aus dem Album von Sasha Morgenthaler.

Abb. 4: Rückseite der Porträtfotografie von Paul Klee, Zentrum Paul Klee, Schenkung Familie Klee
© Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv

 

Diese Datierung wird bestätigt durch eine weitere Fotografie von Klee, die kurz zuvor in Rom entstanden ist und den jungen Klee mit demselben Vollbart zeigt: »Wie ein Südländer, unendlich verfeinert u. vergeistigt mit einem schwarzen Vollbart (...)«, beschrieb Lily das neue Erscheinungsbild ihres Verlobten nach seiner Rückkehr aus Italien, das er in Bern vorübergehend beibehalten hat (Abb. 5).[4]

 

Abb. 5: Paul Klee und Hermann Haller in Rom, 1902, Fotograf: Karl Schmoll von Eisenwerth
© Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv

 

In Thematik und Komposition offenbart die Fotografie eine enge Übereinstimmung mit einer zeitgleich entstandenen Aufnahme von Paul Klee aus dem Jahr 1902/03, die sein Freund Hans Bloesch in seinem Arbeitszimmer fotografisch wiedergibt (Abb. 6).[5] Beide, Schriftsteller und Maler, sind in ihren jeweiligen Arbeitsräumen dargestellt, und sie nehmen dabei dieselbe Pose ein. Der Künstler in Profilansicht blickt gedankenversunken in die Ferne (Abb. 7). Diese Übereinstimmung deutet stark auf die kompositorische Autorschaft von Klee hin.[6] Die Aufnahme ist die erste einer Reihe von Fotografien, die Klee im Verlauf seiner späteren Karriere in seinem Atelier zeigen.[7]

Abb. 6: Hans Bloesch, 1902/03, Paul Klee, Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Klee, Fotograf: Paul Klee
© Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv

Abb. 7: Paul Klee in seinem Atelier am Obstbergweg 6 Bern, Herbst 1902, mit der mutmasslichen Komposition Vater und Sohn
© Nachlass Morgenthaler Thun

Viele Varianten des Themas »Vater u. Sohn«

Auf dem von Klee inszenierten fotografischen Selbstporträt ist ein Werk zu sehen, das bisher als unbekannt gilt. Wiedergegeben sind zwei Männer, Arm in Arm, dargestellt in Rückenansicht und bekleidet in antiken Gewändern (Abb. 8). Obwohl das Bild gerahmt ist, glaubt man unfertige Stellen im Bildhintergrund zu erkennen. Stilistisch und bildmotivisch ist die Komposition den wenigen Werken zuzuordnen, die in Zusammenhang mit der Italienreise stehen und die Klee in seinem handschriftlich geführten Oeuvrekatalog für die Jahre 1901 und 1902 aufgelistet hat.[8]

Abb. 8: Ausschnitt aus der Fotografie Paul Klee in seinem Atelier am Obstbergweg 6 Bern, Herbst 1902, mit der mutmasslichen Komposition Vater und Sohn
© Nachlass Morgenthaler Thun

Hinweise für die Bildinterpretation sind der Korrespondenz mit Lily und den revidierten Tagebüchern von Klee zu entnehmen, die visuell und chronologisch mit der Datierung der Fotografie und dem abgebildeten Werk übereinstimmen könnten.
Klee erwähnt im Januar 1903 in einem Brief an Lily mehrfach ein Werk, das er »Vater und Sohn« nennt: » (...) Die Composition Vater und Sohn leidet, abgesehen davon, dass sie (wie Haller sagen würde) vollständig aus dem hohlen Ranzen geholt worden ist, an manchen Fehlern. Die Figuren sind isoliert dadurch, daß an ihnen das Humoristische weiter fortgeschritten ist als an den übrigen Gegenständen. Die Felsen müßten analog ganz anders behandelt werden, auch humoristisch. Ebenfalls die überaus zahm geplanten Bäume. Das Ganze entspricht überhaupt gar nicht dem Zustand, den es zuvor in meiner Phantasie eingenommen hatte; sondern müßte, um etwas von der Frische dieses ‚idealen‘ Zustandes zu erhalten, entschieden umkomponiert und ganz neu angefangen werden. Vielleicht geschieht es in der kommenden Zeit. Dem Phlegmatiker ist folgendes ein Trost: Wenn ein Bild so ausgeführt wäre, wie es gedacht worden war, so hätte man es ja mit einem unerhörten Meisterwerk zu thun! O Schmeichelstimme des Phlegmas!«[9] Das Bildmotiv auf der Fotografie und der Textinhalt stimmen in wesentlichen Teilen überein: Zwei männliche Figuren sind isoliert vor neutralem Hintergrund (Felsen?) dargestellt.
Bei der fotografierten Komposition könnte es sich womöglich um eine noch nicht vollendete Variante der Serie/Werkgruppe Vater und Sohn handeln.[10] Denn von der Komposition muss es mehrere »Varianten« gegeben haben, wie einem redigierten Tagebucheintrag vom Januar 1903 zu entnehmen ist:[11] »Viele Varianten des Themas Vater u. Sohn. Ein Vater mit seinem Sohn. Ein/ Vater durch seinen Sohn. Ein Vater angesichts seines Sohnes. Ein Vater stolz/ auf seinen Sohn. Ein Vater segnet seinen Sohn. Alles dies hab ich deutlich/ dargestellt, aber leider wieder vernichtet. Es blieben nur die Titel erhalten.«[12] Es liegt deshalb nahe, dass Klee eine der Varianten von Vater und Sohn auf seiner inszenierten Atelierfotografie präsentiert. Es ist das einzige in der  Korrespondenz mit Lily erwähnte Werke, das mit dem Bildmotive auf der ungefähr zur selben Zeit entstandenen Fotografie übereinstimmt. [13] Die wohl mehrfach überarbeitete Komposition Vater und Sohn war Klee offenbar dann nicht gut genug, sodass er das »missglückte« Werk Ende Januar 1903 zerstörte.[14]

»Plan, in Bern ganz gründlich Anatomie zu lernen wie ein Mediziner. Wenn ich die weiss, kann ich alles.« (Paul Klee, 1901)

Wenn Klee in einem Brief an Lily (7. Januar 1903) die Komposition Vater und Sohn als Werk ausweist, das vollständig »aus dem hohlen Ranzen«, sprich aus dem hohlen Bauch entstanden sei, dann zeugt die Körperdarstellung der mutmasslichen Komposition Vater und Sohn doch von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Anatomie des menschlichen Körpers. Diese geht auf eine Kritik von Franz von Stuck zurück, der beim Eintrittsgespräch für die Münchener Kunstakademie Klees fehlenden Kenntnisse in der Anatomie bemängelte: »Stuck hat mich hauptsächlich auf meine total fehlende Anatomie aufmerksam gemacht (...)«.[15]

Klee verlässt die Münchner Kunstakademie ohne Abschluss. Er bildet sich hauptsächlich durch Selbststudium und einen halbjährigen Aufenthalt in Italien weiter. Dort reift in ihm der Entschluss, sich in Bern so gründliche Kenntnisse der Anatomie wie ein Arzt zu verschaffen. Klee schreibt über das Wintersemester 1902/03 ins Tagebuch: »Jeden Morgen arbeitete ich von ½ 9 bis ½ 11 Uhr im Anatomiesaal. Am Samstag um 11 Uhr liest der Professor Strasser für Künstler. (Was für Künstler!) Und am Mittwoch, Donnerstag und Freitag ist Abendakt im Kornhaus. Da excellieren die Herren Born, Boss, Colombi, Link und a. m. Sie hodlern alle mehr oder weniger. Die Modelle sind à la Matte.«[16]

Abb. 8: Anonym, Seziersaal des Anatomischen Instituts der Universität Bern, um 1900, Medizinhistorisches Institut der Universität Bern
© img.unibe.ch

Abb. 9: Paul Klee, Anatomische Zeichnung der Oberarmmuskulatur, von hinten, 1902/03, Bleistift und Aquarell auf Papier, 17,2 x 31,4 cm, Zentrum Paul Klee, Bern
© Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv

Der kunstbegeisterte Professor Hans Strasser erlaubt Klee den Besuch der Vorlesung über plastische Anatomie und sogar den Zugang zu den täglichen Präparierübungen im Seziersaal (Abb. 8). Paul Klee vermittelt seiner Verlobten darüber sehr lebendige Einblicke: »Der Seciersaal macht einen comfortablen Eindruck (das Gebäude ist neu), scheint doch für 170 Studenten (und hauptsächlich Studentinnen) zu kurz. Es lagen circa 12 oder mehr Leichen in zwei Reihen geordnet, eine schrecklicher als die andere, so daß sie mir nachts eine um die andere im Traum vorkamen. Beim zweiten Mal war ich indessen bereits akklimatisiert und hatte auch Augen für das Leben, zu meiner Scham und Schande zum Teil sogar für das weibliche Leben. So schaute ich frech einigen hübschen Russinnen bei ihrer interessanten, aber nicht normalen Beschäftigung zu. Doch ich übertreibe, hübsch sind sie eigentlich nicht, die meisten sind sogar noch unappetitlicher als die lieben Toten in ihren Armen.«[17]

Seiner Verlobten Lily Stumpf beschreibt Klee die Gründlichkeit von Strassers Unterricht: »In der Anatomie haben wir uns die ganze verflossene Woche mit dem Arm beschäftigt, was das Schwerste ist, besonders Ellenbogen, Unterarm und Handgelenk (Abb. 9). Der Professor [Strasser] verwendete schon zwei Vorträge darauf, nächsten Samstag wird wohl noch die Hand dran kommen.«[18] Klee hat sieben anatomische Zeichnungen und einen Knabenakt mit drei verschiedenen Armhaltungen aufbewahrt. Für ihn hatten diese Studien, die offenbar über längere Zeit an einer Wand seines Zimmers hängten, vorbereitenden Charakter für ein grösser angelegtes Projekt, für das der menschliche Körper zum zentralen Gegenstand werden sollte: die Inventionen.[19] Ein Vergleich mit einer dieser Arbeiten, dem Studienblatt mit drei verschiedenen Armhaltungen, legt nahe, dass Klee bereits in die fotografisch dokumentierte mutmassliche Komposition Vater und Sohn seine vertieften Kenntnisse in Akt und Anatomie einfliessen liess. Trotz der etwas unscharfen Fotografie lässt sich eine deutliche Übereinstimmung in der bildlichen Darstellung der Arme feststellen (Abb. 10, Abb. 11). Oberarm, Unterarm und Hand der beiden Männer Vater und Sohn sind nicht maskulin-muskulös wiedergegeben, sondern knabenhaft schlank, karikaturistisch überzeichnet.